Die Sturzangst überwinden

Lange Routen, mit viel Luft unter den Füßen, solltest du mit einer ermutigenden „zu Stürzen ist jederzeit ungefährlich“-Mentalität klettern (gute Ausrüstung und ein vertrauenswürdiger Sicherer vorausgesetzt). Nur, wenn du es schaffst dich von Angst frei zu machen und solange kletterst bis du fällst, wirst du deine Sturzangst überwinden.

Gelegentlich höhre ich einen erfahrenen Kletterer (mit hunderten von Durchstiegen auf seiner Tickliste) klagen, dass er immer noch mit einer schweren Sturzangst ringt. Sogar nach so vielen  Kletterjahren. Ich erkläre ihm drauf immer, dass er es nie gelernt hat, seine Sturzangst systematisch durch Erfahrung beim Klettern in den Griff zu bekommen – jeder Kletterer ist gefordert, der Angst vorm Stürzen durch die Erfahrung mit Stürzen entgegenzutreten!

Cam Hörst in Against The Grain (Foto: Eric Hörst)
Cam Hörst in Against The Grain (Foto: Eric Hörst)

Regelmäßiges Sturztraining zur Bekämpfung der Sturzangst

Regelmäßiges Sturztraining ist ein wesentlicher Bestandteil bei der wirksamen Bekämpfung dieser Angst. Von Sturztraining wirst du in vielerlei Hinsicht profitieren. Du lernst zunächst einmal dem Sicherungssystem zu vertrauen. So können die fast schon lächerlichen Ängste, wie das Reißen des Seils oder das Brechen eines Bohrhakens, abgebaut werden. Aber noch wichtiger ist, dass du lernst, wie man richtig fällt – aufrecht mit entspannten Körper und ohne, dass dein Fuß in das Seil einfädelt oder am Felsen hängen bleibt. Das alles sind die kritischen Fähigkeiten, die durch Übung weitgehend unbewusst werden sollen.

Schließlich nehmen diese Übungsstürze in sicheren Situationen allmählich die angeborene Angst vorm Stürzen (wenn das Material in Ordnung ist und der Sturz sauber abläuft). Mit der Zeit werden sich diese Erfahrungen in deinem Gedächtnis einprägen. Dadurch bist du trotz der Angst vor einem Sturz in der Lage, die richtigen Entscheidungen während des Kletterns zu treffen. Und wenn du doch stürzt, ermöglicht es dir sofort richtig zu reagieren.

Du kannst soviel klettern wie du willst, es wird dir nicht die Sturzangst nehmen – nur mit Stürzen selbst, wirst du diese Angst in den Griff bekommen.

Durchführung des Sturztrainings

Dein Sturztraining funktioniert am besten in der kontrollierten Umgebung einer Kletterhalle, obwohl es auch im Klettergarten möglich ist. Übe in einer etwas überhängenden Sportkletterroute, die keine hervorstehenden Griffe enthält. Verwende ein gutes Seil, überprüfe deinen Knoten und Gurt und lass dich von einem erfahrenen Sicherer sichern. Fange mit ein paar kurzen Stürzen, mit Knie auf Hakenhöhe an – mit der Seildehnung wird das in etwa zu einem 1,5 bis 2 Meter Sturz führen. Wenn du dich an diese kurze Fallhöhe gewöhnt hast, kletterst du ein wenig höher, so dass die Füße ungefähr auf Hakenhöhe sind. Je nach der Länge des Seils zwischen dir und deinem Sicherer, führt das zu einem mittellangen Sportklettersturz von mehr oder weniger drei Metern. Trainiere diese kurz- und mittellangen Stürze mindestens einmal pro Woche für ein paar Monate. Nach und nach wirst du diese Stüze als „No-Big-Deal“ empfinden, was sie de facto auch sind (wenn dein Material in Ordnung ist). Einige Kletterer gehen noch weiter und machen Übungsstürze bei denen die Füße einen halben Meter oder mehr über der letzten Sicherung stehen – diese längeren Sportkletterstürze können insgesamt 4 bis 6 Meter Länge erreichen, in Abhängigkeit von der Kletterhöhe, der Seildehnung und wieviel Seil der Sicherer ausgibt. Diese längeren Stürze sollten immer auf mindestens 30° überhängenden Routen durchgeführt werden. Dadurch fällst du frei in die Luft. Die Wahrscheinlichkeit, dass du gegen den Fels schlägst oder mit dem Fuß ins Seil fädelst, ist dabei gering.

Langfristige Anstrengung nötig

Langfristig wirst du dich so in sicheren Situationen von der Angst zu Stürzen lösen und damit frei und ohne Angst klettern können. Trotzdem wird es gelegentlich immer noch Situationen geben, wo dir ein Sturz, obwohl er objektiv völlig ungefährlich ist,  aus irgendeinem Grund ein wenig Angst macht (vielleicht weil du etwas pendeln könntest, oder weil die Situation einfach seltsam und ausgesetzt erscheint). In diesem Fall profitierst du enorm von einem einzelnen „Teststurz“. Und das nur, um zu erfahren wie der Sturz wirklich sein wird – weil es die Angst vor dem ungewissen Gefühl des Sturzes ist, nicht der Sturz an sich.

Letztendlich ist der Kampf gegen die Sturzangst ein langfristiges Unternehmen. Es geht nicht um Tage oder Wochen, sondern um Monate oder Jahre, um das Problem in den Griff zu bekommen. Es ist ein Schritt-für-Schritt-Prozess, für den zwei Voraussetzungen notwendig sind: Die Bereitschaft für regelmäßige Trainingsstürze, sowie den Mut, sich selbst an die Grenzen zu bringen und reale Stürze beim Klettern in Durchstiegsversuchen in Kauf zu nehmen.

Übersetzt mit freundlichem Einverständnis von Eric Hörst von trainingforclimbing.com.

Originalartikel von Eric Hörst erschienen am 19.02.2015 auf trainingforclimbing.com
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